Der umfassende Guide

Tandemfliegen
in Südbayern

Aerologie, Flugberge, Sicherheit und alles was du wissen musst — vom Start am Berghang bis zur Landung im Tal.

Was ist Tandemfliegen?

Tandemfliegen ist kein passiver Adrenalin-Kick wie eine Achterbahn — es ist eine dynamische Begegnung mit der Atmosphäre. Pilot und Passagier werden zu Teilnehmern im thermischen Kreislauf der Luft.

In Bayern wird diese Aktivität durch eine strenge Sicherheitskultur unter Aufsicht des Deutschen Hängegleiterverbandes (DHV) ausgezeichnet — wohl der am strengsten regulierte Sektor des Freiflugs weltweit.

Dieser Guide liefert alles: Aerologie, Flugberge, Physik der Ausrüstung, den Ablauf eines Tandemflugs und die physiologischen Nuancen des Flugerlebnisses selbst.

8+ Flugberge in Südbayern
1.300m Max. Höhendifferenz
2.050m Höchster Startplatz
10:1 Sicherheitsfaktor Leinen

Warum Bayern fliegt

Die unsichtbare Architektur der Luft über dem Alpenrand

Um zu verstehen, warum Südbayern ein globales Zentrum für Gleitschirmfliegen ist, muss man über die Postkartenästhetik hinausblicken — hin zur unsichtbaren Architektur der Luft. Die Eignung der Region zum Fliegen wird durch die Interaktion zwischen dem Alpenvorland und der Gebirgsbarriere selbst bestimmt.

Die Thermik-Pumpe

Das flache, sonnenabsorbierende Bayerische Alpenvorland (500–600m) trifft auf die vertikalen Wände der Alpen (2.000–3.000m). Diese Topographie erzeugt einen massiven, vorhersagbaren thermischen Motor.

Die Sonne erhitzt die südexponierten Felswände und dunklen Nadelwälder schneller als die Talluft. Die Temperaturdifferenz reduziert die Luftdichte an den Hängen — die erwärmte Luft löst sich und steigt auf. Diese Aufwindschläuche sind Thermiken (Pilotenjargon: Bart).

Der Talwind

Wenn die Hochalpen sich aufheizen, entsteht ein Hitzetief, das Luft vom kühleren Vorland ansaugt. Dieser Talwind fließt zuverlässig aus der Ebene in die Bergtäler.

Für den Tandempiloten bietet dieses System zwei kritische Auftriebsformen: Thermischen Auftrieb zum Höhengewinn und Dynamisches Soaring — das „Surfen" auf Hangaufwinden, wenn Wind einen Bergrücken senkrecht trifft.

Der Föhn — Alpine Nemesis

Feuchte Luft steigt auf der Südseite der Alpen auf, kühlt ab, regnet ab — und stürzt dann als trockener, heißer, turbulenter Fallwind nach Bayern hinab.

Für Gleitschirme ist der Föhn unfliegbar. Er erzeugt schwere Turbulenzen, „Rotoren" (horizontale Wirbel) und unberechenbare Böen. Ein kritisches Zeichen: die Föhnmauer — eine Wolkenwand am Südhorizont.

Kommerzielle Anbieter stornieren bei Föhn sofort. Eine Absage ist immer ein Zeichen eines professionellen Piloten.

Die Flugberge

Jeder Berg hat seine eigene „Persönlichkeit" — geprägt durch Orientierung, Steilheit und Exposition

Wallberg

1.722m

Rottach-Egern · Tegernsee

„Der Cross-Country Monarch"

Ein isoliertes Massiv, das in das Tegernseer Tal ragt — ein Magnet für die ersten Thermikpulse aus der Ebene. Gilt als der premier XC-Startplatz der deutschen Alpen.

  • Orientierung: Nord, Nordwest, West
  • Steiler Start am „Kircherl" — erfordert kommittierten Lauf
  • Panorama: Münchner Fernsehturm bis Großglockner
  • Landung: Rottach-Egern (technisch wegen Talwind)

Breitenberg

1.838m

Pfronten · Ostallgäu

„Der Stressfreie"

Die Startfläche am Kesselmoos ist eine breite, weite Almwiese — einer der stressfreiesten Startplätze für nervöse Passagiere. Spektakuläre Blicke ins Tannheimer Tal.

  • Orientierung: Nord, Nordost
  • Breites Startgelände — ideal für Erstflieger
  • Thermik Richtung Aggenstein möglich
  • Höhendifferenz: ~1.000m

Brauneck

1.555m

Lenggries · Isarwinkel

„Die Schule der Luft"

Der Hausberg der Münchner Gleitschirmgemeinde. Einzigartig: Startplätze in fast alle Richtungen — dadurch bei vielen Wetterlagen fliegbar.

  • Orientierung: Süd, Ost, Nord
  • Start an der „Garland" — sanft geneigte Almwiese
  • Soaring an der Benediktenwand
  • Schnellste Anreise ab München (BOB-Bahn)

Kampenwand

1.669m

Aschau · Chiemgau

„Die Dornröschen-Grat"

Definiert durch den ikonischen drei-gipfligen Zackengrat. Visuell einschüchternd, aber kraftvolle Thermik an den Felswänden. Landeanflug mit Blick auf den Chiemsee.

  • Orientierung: Süd, Südwest
  • Eingeschränkter, felsiger Startplatz
  • Chiemsee-Panorama: Alpen trifft „Bayerisches Meer"
  • Erreichbar via Seilbahn Aschau

Hochries

1.569m

Samerberg · Chiemgau

„Der Wind-Magnet"

Erste signifikante Barriere für Winde aus der Ebene. Erzeugt außergewöhnlich glatten dynamischen Hangauftrieb — oft fliegbar, wenn thermische Startplätze inaktiv sind.

  • Orientierung: Nord, Nordwest
  • Ideal für glattes, ruhiges Soaring
  • Oft fliegbar bei stabilen (nicht-thermischen) Lagen
  • Panorama: Inntal und Kaisergebirge

Wank

1.780m

Garmisch-Partenkirchen

„Der Thermik-Berg"

Perfekt südexponierte Schüsselform wirkt als Sonnenkollektor. Einer der wenigen Berge in Bayern, die zuverlässig auch im Winter fliegbar sind.

  • Orientierung: Süd (Sonnenfalle)
  • Winterflüge möglich — Sonnenwinkel reicht
  • Oft turbulent, aber schneller Höhengewinn
  • Blick auf Zugspitze (2.962m)

Die Tandem-Maschine

Ein Tandem-Gleitschirm ist kein Fallschirm — er ist ein echter Flügel, der durch den Fahrtwind seine Form bekommt

Der Flügel

38–44 m² Spannweite

Zwei Stofflagen, verbunden durch interne Rippen, bilden „Zellen". Die Vorderkante ist offen — Staudruck presst Luft hinein und bläht den Flügel zu einem halbstarren Tragflächenprofil auf.

Das Profil erzeugt Auftrieb durch Bernoullis Prinzip (Unterdruck oben) und Newtons drittes Gesetz (Luftablenkung). Der Stoff ist High-Tech-Nylon mit Spezialcoating — alle 2 Jahre wird die „Porosität" geprüft.

Die Leinen

Aramid (Kevlar) oder Dyneema

Sie sehen aus wie Zahnseide, tragen aber einzeln über 200 kg. Ein Tandemschirm hat dutzende Leinen — die Gesamtbruchlast übersteigt oft 2 Tonnen. Sicherheitsfaktor: fast 10:1.

Die Leinen müssen millimetergenau ihre Länge halten. Beim 2-Jahres-Check wird jede einzelne Leine laservermessen — „geschrumpfte" oder „gedehnte" Leinen werden sofort ersetzt.

Die Gurtzeuge

Airbag + Rettungsschirm

Das Passagier-Gurtzeug ist auf Komfort und Sicherheit ausgelegt: ein großer Airbag oder Schaumprotektor unter dem Sitz absorbiert bei harten Landungen Aufprallenergie und schützt die Wirbelsäule.

Im Piloten-Gurtzeug steckt der Rettungsschirm — ein ballistisch ausgelöster Fallschirm für absolute Notfälle. Die Auslösezeit liegt bei unter 3 Sekunden.

Vom Start bis zur Landung

Die choreographierte Abfolge physischer und psychologischer Momente

Der Höhenangst-Mythos

„Ich habe Höhenangst, also kann ich nicht fliegen" — das ist anatomisch falsch. Höhenangst (Akrophobie) wird durch vertikale Referenzlinien ausgelöst — wie Leitern, Gebäudekanten, Brückengeländer. In der Luft gibt es keine solche Verbindung zum Boden. Der Passagier sitzt in einem Gurtzeug (effektiv ein Liegestuhl), und die visuelle Referenz wird der Horizont. Echtes Schwindelgefühl im Flug ist extrem selten.

01

Die Inflation

Der Pilot steht hinter dem Passagier. Auf Kommando zieht er den Schirm hoch. Du spürst einen kräftigen Zug nach hinten — das ist der Flügel, der sich mit Luft füllt und Widerstand erzeugt. Nicht hinsetzen, nicht dagegen ankämpfen.

02

Der Check

Der Pilot pausiert kurz den Schirm über dem Kopf und inspiziert ihn visuell. Alle Leinen frei? Kein Verhänger? Kappenform korrekt? Dieser Moment dauert 2–3 Sekunden — fühlt sich aber länger an.

03

„Lauf, Lauf, Lauf!"

Der Pilot ruft das Kommando. Du rennst bergab. Der häufigste Fehler: zu früh hinsetzen. Das killt den Schwung. Die Anweisung ist immer: „Renne in die Luft, bis deine Füße im Leeren treten." Erst dann gleitest du ins Gurtzeug.

04

In der Luft

Das Gefühl wechselt sofort von chaotischer Bewegung zu fließender Schwerelosigkeit. Das Windgeräusch (ca. 35–40 km/h) wird ein konstantes weißes Rauschen. Beim Thermikkreisen: sanfte G-Kräfte wie in einer Kurvenfahrt. Das Variometer piept — der Ton steigt mit der Steigrate.

05

Die Landung

Kein „Fallschirmjäger-Abrollen" wie im Film. Der Pilot „flaret" den Schirm — zieht die Bremsen tief kurz über dem Boden. Das wandelt Vorwärtsgeschwindigkeit in Auftrieb um und bringt beide Geschwindigkeiten nahe null. Du stehst auf und machst ein paar Schritte. Das war's.

Wingover

Pendelbewegung links-rechts. Am Gipfel des Schwungs: Schwerelosigkeit. Am Boden: Kompression. Strikt optional — auf Wunsch.

Spirale

Aggressivstes Sinkmanöver. Korkenzieher-Abstieg mit 15–20 m/s Sinkrate und 3–4 G. Windgeräusch bis 100 km/h. Nur auf ausdrücklichen Wunsch — physisch fordernd.

Der DHV-Standard

Das weltweit strengste Regulierungssystem für Freiflieger

Der „TÜV" für Gleitschirme

Alle 2 Jahre: professionelle Inspektion mit Porositätstest (Luftdurchlässigkeit des Stoffes), Reißfestigkeitstest, Laserlängenmessung aller Leinen und destruktiver Festigkeitstest einer Probenleine. Ein Schirm, der durchfällt, wird gesetzlich gegroundet.

Pilotenausbildung

A-Lizenz B-Lizenz Tandem-Rating

Das Tandem-Rating erfordert: praktische Aufnahmeprüfung, theoretische Prüfungen (Passagierpsychologie, rechtliche Haftung) und mindestens 40 beaufsichtigte Übungsflüge. Ausländische Tandem-Lizenzen sind für kommerzielle Flüge in Deutschland nicht gültig.

Statistik im Kontext

Die DHV-Statistik zeigt ~9–10 Todesfälle pro Jahr über die gesamte deutsche Pilotenpopulation (~40.000 aktive Piloten). Unfälle im kommerziellen Tandembetrieb sind statistisch sehr selten.

Zum Vergleich: Die Verletzungsrate ist vergleichbar mit oder niedriger als Reitsport oder Motorradfahren, wenn man die Expositionszeit berücksichtigt. Hauptursache bei Soloflug-Unfällen: Pilotenfehler. Tandempiloten mitigieren dies durch konservative Bedingungswahl und Schirme mit höherer passiver Sicherheit.

Versicherung

In Deutschland muss jeder Gleitschirm eine Halter-Haftpflichtversicherung haben. Für Tandempassagiere ist das automatisch: Die kommerzielle Versicherung des Piloten deckt den Passagier ab. Medizinische Kosten werden typisch über die eigene Krankenversicherung oder Reiseversicherung abgedeckt.

Vom Fallschirm zum Flügel

1970er–80er

Die „Fallschirmspringer-Alpinisten"

Bayerische Bergsteiger nahmen modifizierte Fallschirme auf Gipfel — Gleitzahl kaum 3:1, eher kontrollierter Absturz als Flug. Die Gründung des DHV transformierte die Aktivität vom Rand-Stunt zum regulierten Sport.

1990er–2000er

Die Material-Revolution

Elliptische Grundrisse, dünnere Leinen — Gleitzahlen über 7:1. Cross-Country-Fliegen wurde möglich: von Berg zu Berg, getragen von Thermik. Bayerische Hersteller innovierten mit Jet Flaps und Leichtmaterialien.

Heute

Die „Hike & Fly"-Renaissance

Dank Single-Skin-Flügeln und Dyneema-Gurtzeugen wiegt ein komplettes Gleitschirmkit heute unter 4kg. Der Kreis schließt sich: den Gipfel verdienen, den Abstieg fliegen. Kommerzielle Tandems nutzen weiterhin Bergbahnen — das Gerät wiegt 15–20kg.

Häufige Fragen

Flugpreis: 130–190€ für einen Standard-Thermikflug (20–30 Min). Kürzere Gleitflüge (10–15 Min) ab ca. 130€.

Bergbahn: Fast immer exkludiert. Passagiere kaufen ihr eigenes Ticket (~18–28€).

Foto/Video: GoPro-Aufnahmen werden nach dem Flug angeboten — Aufpreis ca. 25–40€, per SD-Karte oder Handy-Transfer.

Gesamt: Rechne mit ca. 180–260€ all-inclusive.

Schuhe: Das wichtigste! Knöchelhohe Wanderschuhe sind Pflicht. Der Startplatz ist eine alpine Wiese — Sneaker sind ein Sicherheitsrisiko und werden vom Piloten möglicherweise abgelehnt.

Jacke: Winddicht, auch im Sommer. Die Temperatur fällt ~1°C pro 100m. Auf 2.000m mit 40 km/h Windchill ist es kalt.

Handschuhe: Auch im Sommer empfohlen — Schutz vor Leinenabscheuerung und Kälte.

Typisch 25–130 kg. Das Minimum liegt bei ~25 kg (Kinder). Standard-Tandems fliegen bis ~100 kg Passagiergewicht, mit spezialisierten XL-Schirmen bis 130 kg. Bei Unsicherheit vorher beim Piloten anfragen.

Paragliding ist keine „Aufkreuzen-und-Fliegen"-Aktivität. Die Standard-Prozedur aller bayerischen Piloten: ein obligatorischer Wetter-Check am Vorabend (18:00–20:00 Uhr).

Der Pilot analysiert spezifische Luftfahrt-Vorhersagen (GAFOR, DHV-Wetter). Gesucht wird nach: Föhn (automatische Absage), Regen oder übermäßiger Wind (>25 km/h).

Wichtig: Dränge niemals einen Piloten zum Fliegen, wenn er absagt. „Es sieht doch sonnig aus" für einen Laien bedeutet nicht, dass es sicher ist. Eine Absage ist immer ein Zeichen eines professionellen Piloten.

Frühling (April–Mai): Erste starke Thermiken, aber noch instabile Wetterlagen. Längere Flüge möglich.

Sommer (Juni–Aug): Höchste Thermikaktivität. Flüge morgens oder spätnachmittags oft ruhiger als mittags.

Herbst (Sept–Okt): Die „goldene Saison" — stabile Hochdrucklagen sorgen für ruhige, gleichmäßige Bedingungen und fantastische Fernsicht.

Winter (Nov–März): Möglich an südexponierten Bergen (z.B. Wank), aber abhängig von Schnee- und Bodenverhältnissen.

Südbayern ist über die Bayerische Regiobahn (BRB) gut erreichbar:

Brauneck: Zug nach Lenggries, dann 5–10 Min Fußweg. (~1h 10min ab München)

Wallberg: Zug nach Tegernsee, dann Bus 9556 zur Wallbergbahn. (~1h 30min)

Kampenwand: Zug nach Aschau im Chiemgau (Umstieg in Prien). (~1h 30min)

Tegelberg: Zug nach Füssen, dann Bus zur Tegelbergbahn. (~2h 30min)

Ja. Alle Tandempiloten in Deutschland sind DHV-lizenziert und müssen eine spezielle Tandemprüfung mit mindestens 40 beaufsichtigten Übungsflügen ablegen. Ausländische Lizenzen (USA, UK) sind für kommerzielle Flüge in Deutschland nicht gültig.

Die Ausrüstung wird alle 2 Jahre professionell geprüft (Porosität, Festigkeit, Leinenlängen). Ein Schirm, der nicht besteht, wird gesetzlich gegroundet.

Die Unfallrate im kommerziellen Tandembetrieb ist statistisch vergleichbar mit oder niedriger als Reitsport, wenn man die Expositionszeit berücksichtigt.

Bereit für den Perspektivwechsel?

Vom Boden aus wirken die Alpen einschüchternd. Von oben enthüllen sie sich als lebendiges System aus Graten, Tälern und Thermikströmen.

„Der Himmel über Bayern ist kein leerer Raum — er ist ein Spielplatz, und die Tür steht offen."